Vita von Viktor Frankl 
Viktor E. Frankl
von Herrn O.Univ.-Prof.Dr.Dr.h.c. Siegfried Kasper. Viktor E. Frankl wuchs mit seinem Bruder Walter und seiner Schwester Stella als Sohn eines Staatsbeamten im Wien des beginnenden 20. Jahrhunderts auf. Sein Vater war streng, aber in höchstem Maße gerecht, während die Mutter für Viktor Frankl "ein seelensguter und herzensfrommer Mensch" war. Sie stammte aus Prag und der Vater aus Südmähren. Die Schulzeit Frankls war schon geprägt von seinem Interesse für die Psychologie und die Psychoanalyse. Bereits mit 15 Jahren korrespondierte der junge Viktor Frankl mit Sigmund Freud, und dieser ließ kaum 72 Stunden vergehen, um zu antworten.
So erschien auch die erste Publikation Frankls 1924 in der "Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse" auf ausdrückliche Empfehlung von Sigmund Freud.

Um diese Zeit war Frankl, nunmehr Student der Medizin, bereits in den Kreis von Alfred Adler gekommen und publizierte 1925 in der "Internationalen Zeitschrift für Individualpsychologie" die Arbeit: "Psychotherapie und Weltanschauung". Er gründete eine Zeitschrift zur Verbreitung der Individualpsychologie, "Der Mensch im Alltag", die er bis zu seiner Lösung von Alfred Adler leitete. Adler hatte Frankl 1927 wegen Unorthodoxie aus dem Verein für Individualpsychologie ausgeschlossen.

Frankl hatte zu dieser Zeit schon viele Vorträge im In- und Ausland gehalten, die sich immer mehr mit der geistigen Dimension - dem Noos - des menschlichen Daseins beschäftigten und nicht zuletzt mit der großen Frage des Menschen nach dem Sinn - dem Sinn im Leben -, der immer ein anderer ist für jeden Menschen gemäß dessen Einzigartigkeit und Einmaligkeit. Er gründete im Gefolge der Lebensmüdenberatungsstellen von Wilhelm Börner die erste Jugendberatungsstelle, die bald Nachahmung in weiten Teilen Europas fand. Dabei lernte er Prof. Otto Pötzl kennen, der die Universitätsklinik für Psychiatrie in Wien von 1928-1945 als Nachfolger von Wagner-Jauregg leitete. Pötzl, der später zum väterlichen Freund Frankls wurde, ließ den jungen Mediziner - noch vor Abschluss des Studiums 1930 - an seiner Klinik psychotherapeutisch arbeiten und die ersten Schritte in seine eigene Psychotherapieschule machen. Frankl arbeitete als Arzt am Neurologischen Krankenhaus Rosenhügel und am Maria Theresien Schlössel unter Josef Gerstmann, wirkte von 1933-1937 am "Steinhof", dem Psychiatrischen Krankenhaus Baumgartner Höhe in Wien. Er beschrieb sowohl das nach ihm benannte "Corrugator-Phänomen" bei Schizophrenieverdacht (1935) als auch die Wichtigkeit der " medikamentösen Unterstützung der Psychotherapie "(1939). Zu diesen Themen suchte er auch noch in den vergangenen Jahren aktuelle Anknüpfungen und Diskussionen. Bereits 1938 publizierte er eine Arbeit, in der die Logotherapie und die Existenzanalyse als ihre anthropologischen Grundlagen beschrieben werden ("Zur geistigen Problematik der Psychotherapie"). Nach dem Einmarsch der Nazis in Österreich durfte der Facharzt für Psychiatrie und Neurologie nur mehr eingeschränkt arbeiten und wurde 1940 Primarius der Neurologie am Rothschildspital, dem letzten jüdischen Spital in Wien.
Durch seine Arbeit erhielten auch seine Eltern Deportationsschutz bis zum Jahre 1942, als Frankl, seine erste Frau Tilly und die Eltern in die Konzentrationslager Theresienstadt, Auschwitz und Filiallager von Dachau deportiert wurden. Frankl alleine überlebte die Lager (seine Schwester Stella war rechtzeitig nach Australien ausgewandert).

Um seinen Eltern den Deportationsschutz bieten zu können, hatte Frankl ein bereits vorhandenes Visum nach Amerika verfallen lassen. Nach Kriegsende kehrte Frankl noch im Jahr 1945 nach Wien zurück und versuchte, sich mit Arbeit über den erlittenen Verlust seiner Familienangehörigen hinüberzuretten. Er begann die Neufassung seines grundlegenden Buches "Ärztliche Seelsorge", deren Manuskript in einen Mantel eingenäht in Auschwitz verlorengegangen war. In 9 Tagen schrieb er die Erlebnisse im KZ aus der Sicht des Psychologen nieder ("...trotzdem Ja zum Leben sagen") und zudem in 9 Stunden eine "Metaphysische Conference-Synchronisation in Birkenwald", die Philosophie auf höchstem Niveau darstellt. Nach dem 2. Weltkrieg erwarb er sein zweites Doktorat - für Philosophie - und habilitierte sich 1949 an der Universität Wien. Frankl wirkte von 1946-1970 als Primarius der Neurologie der Wiener Poliklinik. Er wurde außerordentlicher Universitätsprofessor in Wien - erhielt aber Professuren unter anderem an den Universitäten von Harvard und Stanford sowie an vielen anderen Universitäten der Welt. Noch Tage vor seinem Tode erhielt Viktor Frankl sein 29. Ehrendoktorat (Universität Ohio, USA).
 

Von den Ehrungen, die Frankl aus aller Welt zugedacht wurden, sei die Verleihung des "Großen Goldenen Ehrenzeichens mit dem Stern für Verdienste um die Republik Österreich" durch Bundespräsident Klestil anlässlich seines 90. Geburtstags im März 1995 genannt. Die Akademie der Wissenschaften hatte Frankl zu ihrem Ehrenmitglied ernannt. Er ist damit neben Kardinal Dr. Franz König das zweite Ehrenmitglied der Gesamtakademie. Die Polnische Akademie der Wissenschaften zeichnete den Ehrenbürger Wiens im Juni mit der goldenen "Medicus Magnus" Medaille sowie dem "Internationalen Goldenen Stern" für Verdienste um die Menschheit aus.

Frankls wissenschaftliches Wirken äußert sich in 32 Büchern die in mehr als 25 Sprachen übersetzt wurden. Sein Buch "Man´s search for meaning" wurde in den USA von der Library of Congress zu einem der 10 einflussreichsten Bücher gewählt. Sein Werk wird weiterhin vom "Viktor Frankl Institut" mit Unterstützung seiner Familie in Wien bewahrt.


Die von Viktor Frankl wieder ins Leben gerufene Universitätsvorlesung aus Logotherapie und Existenzanalyse, die mit einer sehr großen Hörerzahl deutliche Akzeptanz erfuhr, wird in seinem Andenken fortgesetzt werden. Wie so viele Mediziner und Psychotherapeuten begleiteten die Schriften von Viktor Frankl auch mich von Anfang des Medizinstudiums bis zum heutigen Tage als Ordinarius für Psychiatrie der Universität Wien. Die Begegnungen und Gespräche mit Viktor Frankl zählen zu den wertvollsten Stunden meines Lebens.

Noch am 21. Oktober 1996 hielt Frankl in seinem 92. Lebensjahr seine letzte Universitätsvorlesung am AKH Wien, die vom Verfasser und von Prof. Giselher Guttmann gemeinsam mit "ABILE" fortgesetzt wurde. Im Juli dieses Jahres feierte Frankl mit seiner Frau Dr.h.c. Eleonore Frankl die goldene Hochzeit - einer Frau von der Prof. Jacob Needleman gesagt hat:" Sie ist die Wärme, die das Licht begleitet".

Mit Viktor Frankl hat die wissenschaftliche Welt und die Menschheit einen der großen Vorkämpfer für eine Rehumanisierung der Medizin und der Psychotherapie verloren. Es ist auch ein Mensch von uns gegangen, der trotz des erlittenen Unrechts und Leides in den Konzentrationslagern der Nazis in seine Heimatstadt Wien zurückgekehrt war und für alle Menschen als Arzt weiterwirkte, sich immer gegen eine Kollektivschuldzuweisung stellend, "hinweg über alle Gräber und Gräben".

Viktor Frankl sah das Leben bis zuletzt mit Sinnmöglichkeiten erfüllt, die auf ihre Verwirklichung durch den Menschen warten - eine Haltung, die er selbst bis zum letzten Moment gelebt hat.


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